Yokohama, Mai 2008
NihonNews lebt!
Seit dem Frühjahr 2006 ist gewiss eine lange Zeit vergangen. Aber seitdem wir wussten, daß wir Eltern werden,
waren etwa 10.000.000 Dinge wichtiger oder dringender als unsere Internet-Seite zu aktualisieren oder eine neue
Ausgabe der NihonNews zu schreiben.
Aber so wie es jetzt aussieht, werden wir dazu in naher Zukunft noch weniger Zeit und Lust haben. Deshalb also
jetzt im Schnelldurchlauf die letzten 24 Monate:
In Myanmar waren wir im Grunde schon zu Dritt unterwegs, wir hatten einen blinden Passagier noch unbekannten
Geschlechts dabei. Den Reisebericht zu Myanmar habt Ihr ja schon als Sonderausgabe der NihonNews bekommen.
Diesen blinden Passagier haben wir dann im März 2006 noch einmal mit nach Saipan in den Frühjahrsurlaub
genommen. Saipan ein beliebtes Reiseziel vor allem für Japaner und Koreaner, die wie wir die Insel in weniger
als vier Stunden Flugzeit erreichen können. Zollfrei wie Guam und damit ein Einkaufsparadies für die
markenverrückten Asiaten.
Im Mai 2006 haben wir uns dann mit der Frage beschäftigt, ob wir wegen des zu erwartenden Nachwuchses noch einmal
umziehen sollten. Vielleicht von Yokohama nach Tokyo, damit Stefan es nicht mehr so weit zur Arbeit hat. Nach
einigen Besichtigungstouren mit verschiedenen Maklern war uns dann aber klar, daß es nirgends so schön ist wie zu Hause.
Stattdessen gab es für Stefan ein Motorrad, mit dem der Weg zur Arbeit vielleicht nicht viel kürzer, aber dafür
um einiges angenehmer ist als in vollen Vorortzügen.
IKEA hat im Frühsommer 2006 noch gerade rechtzeitig seine erste Zweigstelle in Japan eröffnet, um Kiefernmöbel
und Plüschtiere für die termingerechte Einrichtung des Kinderzimmers bereitzustellen. IKEA hat übrigens auch eine
Lebensmittelabteilung. Mag in Kiel oder Großburgwedel nicht wesentlich sein, in Yokohama ist es endlich der
langersehnte Zugang zu Knäckebrot, Käse, Keksen und Daim-Bonbons. Nicht daß es auch japanische Kekse gäbe,
aber die schwedischen Pfefferkuchen schmecken eben zu Weihnachten und auch sonst besser.
Am 27. August 2006 um 17:50 Uhr hat sich dann unsere Tochter Lara Ayumi mit einem kräftigen Schrei im Diesseits
angemeldet. Geboren in Yokohama, mit großen braunen Augen, dunklen Haaren und mit 52cm und 3748g etwa einen
Kopf größer als die anderen Babies auf der Geburtsstation.
Da war es also, daß kleine Wesen, das fortan der Mittelpunkt unseres Lebens, Denkens und Handels sein sollte,
Wichtiges auf einmal unwichtig erscheinen liess und auch schon mal die Nacht zum Tag machte.
Auch Babies brauchen in Japan ein Visum. Um dies zu beantragen, braucht es aber zunächst einen
Reisepass. Kein Reisepass ohne Passfoto, bitte biometrisch, daß heißt geradeaus, ernsthaft und mit offenen Augen
in die Kamera geblickt.
Um einen Reisepass beantragen zu können, ist allerdings eine Geburtsurkunde vorzulegen. Dem Erfüllungsgehilfen
der Deutschen Botschaft reichte an dieser Stelle der bei ihm gestellte Antrag einer Geburtsurkunde aus.
Um eine deutsche Geburtsurkunde beantragen zu können, ist ein offizielles Dokument der Geburtsklinik notwendig,
aber bitte in Deutsch. Ein deutsches Dokument in einer japanischen Klinik zu erhalten ist nun eher unwahrscheinlich,
aber der Amtschimmel hat auch hierfür die Lösung:
Das japanische Dokument kann bei einem vereidigten Übersetzungsbüro ins Deutsche übersetzt werden.
Allerdings muss dazu erst das japanische Außenministerium per Postille die Echtheit des japanischen Dokuments
bestätigen.
Daß man das Neugeborene auch noch bei der Kreisverwaltung registrieren lassen muss, ist bei diesem Ämterrundlauf nur
die Zugabe.
Übrigens: Das Visum muß innerhalb von 30 Tagen beantragt werden, sonst hält sich das Baby illegal in Japan auf und
es erfolgt die Ausweisung. Kein Witz!
Das Standesamt in Berlin, zuständig für alle im Ausland Geborenen, hat dann nur 16 Monate gebraucht, um uns die
Geburtsurkunde zuzuschicken.
Mit frischem Reisepass kann man dann prima auf Reisen gehen und über Weihnachten 2006 die Großeltern in Deutschland
besuchen. Oma Anita konnte es allerdings nicht abwarten und hat uns schon im November für 10 Tage in Japan besucht.
Im März 2007 waren wir in Hawaii, genauer auf der Insel Oahu. Wir haben ein kleines Cottage direkt am Strand von Ewa Beach gemietet und
uns wie Magnum PI mit Familie gefühlt.
Wir haben es ruhig angehen lassen in diesem Urlaub, ohne Besichtigungsstress, es gibt daher weder Bilder
von Pearl Harbor noch von Waikiki Beach. Dafür haben wir auf unserer privaten Patio mit Meerblick gesessen
und beim BBQ den Blick genossen, Lara hat sich im Rollen auf dem Rasen geübt und im Pazifik gebadet.
Unser erster Familienurlaub!
Im Sommer 2007 waren wir für sechs Wochen in Deutschland, Oma Elke und Opa Jann haben abwechselnd den Bollerwagen
durch den Garten und die Nachbarschaft gezogen, Streichelzoo und Enten füttern, Golfspielen und alte Autos,
insgesamt eine große Portion Heimat.
Im Dezember 2007 um Weihnachten herum waren wir in Kambodscha im Gebiet um das Angkor Wat. In Siem Reap
in der Nähe der Tempelanlagen des Angkor haben wir für ein paar Tage Quartier in einem kleinen Hotel bezogen
und von dort unsere Tagesexpeditionen in die Stadt, zu den Tempelanlagen und in die Outskirts gestartet.
Angkor ist zum einen bekannt wegen seines sehr gut erhaltenen bzw. restaurierten Haupttempels, eben des Angkor
Wat selbst. Drumherum gibt es aber eine Vielzahl weiterer Anlagen in teilweise unrestauriertem Zustand. Hier
ziehen einen die vom Dschungel überwucherten Mauern unweigerlich in ihren Bann. In einem dieser Tempel wurde
der Film "Lara Croft: Tomb Raider" gedreht, und unsere kleine Lara hat ebenfalls die Tempel erobert.
Danach ging es zum Baden nach Thailand auf die Insel Ko Samui und über Silvester noch für ein paar Tage
nach Singapur.
Keine Zeit zum Verschnaufen, schnell die Sommersachen aus dem Koffer und die Wintersachen rein und ab nach
Deutschland zum nachträglichen Weihnachtsfest im Januar 2008.
Und wieder Sommersachen in die Koffer, im März 2008 waren wir noch einmal in Hawaii, selbe Stelle, selbe
Welle auf der Insel Oahu. Wir haben wieder das Cottage direkt am Strand gemietet, Stefan war Tauchen, mit
Haien und Schildkröten. Sonst haben wir uns keinen Stress gemacht, jeden Tag nur genossen.
Flugzeuge sind Laras Leidenschaft!
Und wenn wir in Japan sind? Wir sind schließlich nicht immer unterwegs, irgendwann muß Stefan ja mal arbeiten.
Japan ist insgesamt ein elternfreundliches Land. Es geht damit los, daß es die komplette Babyausstattung zu
mieten gibt. Rechtzeitig vorbestellt, kommt dann auf Abruf die Lieferung mit Waage, Autositz, Flaschenwärmer
und Babywippe bis vor die Tür und wird genauso unkompliziert auch wieder abgeholt. Es soll Eltern geben,
die nicht einmal ein Badethermometer kaufen.
In jedem Kaufhaus gibt es erstklassig eingerichtete Wickel- und Stillräume. Hell und sauber, ausgestattet mit
Mikrowellen und Heißwasser für die Zubereitung von Babys Zwischenmahlzeit. Kinderstühle finden sich in jedem
Restaurant, Kindermenues auf jeder Speisekarte, Kinder sind als Gast willkommen.
Seit April 2008 geht Lara vormittags in einen japanischen Kindergarten, der nur einen Steinwurf von unserem
Haus entfernt ist. Sie lernt dort eine ganze Menge neuer Dinge und kann schon die ersten japanischen Worte sagen.
Zudem trifft sie sich zweimal die Woche mit ihren deutschen Freunden zum Krabbeltreff und zum Kinderturnen. W
ir haben so eine Menge neuer netter Leute kennengelernt, Eltern geht es offensichtlich nicht anders als
Hundehaltern. Gemeinsames verbindet.
Und Japan? Was ist hier so passiert?
Im September 2006, kurz nach Laras Geburt, kam nach 40 Jahren endlich ein männlicher Thronfolger
zur Welt. Und so kamen die Japaner noch einmal um die Entscheidung herum, ob eine Frau den Chysanthemen-Thron
besteigen dürfe. Kollektives Aufatmen!
Den Nachfolger von Ministerpräsident Koizumi hielt es nur etwa ein Jahr im Amt, dann resignierte Herr
Abe angesichts nicht enden wollender Skandale in seinem Kabinett.
Sein Nachfolger Fukuda hat den Laden etwas besser im Griff, allerdings nicht ohne kleine
Aussetzer. Einer davon bescherte uns für einen Monat billiges Benzin, weil es Regierung und Opposition
nicht rechtzeitig schafften, eine auslaufendes Gesetz zur Besteuerung von Kraftstoffen rechtzeitig neu zu
ratifizieren. Einmal Volltanken bitte!
Seitdem Millionen Chinesen auf den Geschmack von Milch und Yogurt gekommen sind, verkaufen japanische
Rohmilchproduzenten ihre Milch nicht mehr an heimische Butterhersteller. Butter wird knapp, in den Regalen
liegen Zettel mit Entschuldigungen für den ausbleibenden Nachschub. Rama macht das Frühstück gut!
Am 1. Juni 2008 wird in Japan die Anschnallpflicht auf der Rückbank eingeführt. Der Anblick von
unangeschnallten Kindern, die zwischen den Sitzen der selbstverständlich angeschnallten Eltern
stehen oder während der Fahrt frei im Auto herumklettern, gehört dann hoffentlich der Vergangenheit
an. Erst Gurten, dann Starten!
Obwohl, das Handyverbot am Steuer interessiert hier auch keinen.
Zum Abschluss ein kurzer Ausblick in die Zukunft: Ende Juni 2008 erwarten wir zum zweiten Mal Nachwuchs.
Und mit diesem Jahr neigt sich unsere Zeit in Japan nach über sieben Jahren dem Ende zu. Wohin es dann geht?
Wissen wir selbst noch nicht. Abwarten und japanischen Tee trinken.
Bis bald
Kathrin & Stefan